Ein schlichtes, blinkendes Symbol tauchte auf meinem Handy auf.
„Update verfügbar“, verkündete es – aufdringlich wie ein Staubsaugervertreter.
„Dauer: 15 Minuten.“ Ein kurzer Moment, dachte ich. Doch das Schicksal wollte anders.
„Mach schon“, sagte Isolde beim Frühstück.
„Du schimpfst doch seit Wochen über das lahme Ding.“
Stimmt. Mein Telefon reagierte zuletzt langsam, sehr langsam. Also klickte ich auf „Installieren“ – naiv wie ein Mann, der glaubt, Updates seien Verbesserungen.
Es dauerte keine 15 Minuten. Es dauerte 97.
Ich hätte in der Zeit zum Lesecafé im Atrium spazieren, einen Cappuccino trinken und wieder heimgehen können. Stattdessen starrte ich auf einen Ladebalken mit der Dynamik eines Rentenbescheids.
Als das Telefon endlich wieder erwachte, erkannte ich es nicht.
Die Kamera-App hatte sich versteckt – vermutlich aus Scham. Mein Adressbuch hieß plötzlich „Kontakte“. Meine Nachrichten schwammen jetzt in sogenannten „Bubbles“ –
als hätte mein Handy beschlossen, zur Badewanne umzuschulen.
„SeppGPT?“, fragte ich meinen digitalen Mitbewohner. „Was ist hier passiert? Super!
Du hast jetzt ein Gerät, das so modern ist, dass du es nicht mehr bedienen kannst. Herzlichen Glückwunsch.“
„Und mein Wecker?“
„Der heißt jetzt ‚Schlafassistent‘ und fragt dich gleich, ob er „Schnarchen unterdrücken“ aktivieren soll.“ Ich drückte auf „Nein“. Das Telefon war beleidigt. Der Wecker versteckte sich tief in den Einstellungen – unter Wohlbefinden, Zeitmanagement, innere Einkehr oder so ähnlich.
„Das ist doch Wahnsinn“, sagte ich.
„Wahnsinn mit Zertifikat“, sagte SeppGPT. „App-Entwickler arbeiten hart daran, Einfaches so kompliziert zu machen, dass du dich intellektuell herausgefordert fühlst.“
Am Nachmittag wollte ich ein Foto machen.
Isoldes neueste Pflanzen. Schönes Licht. Einfach knipsen.
Aber das Telefon fragte: „Porträt-Modus? Nacht-Modus? HDR-Makro-KI-Fokus-Modus?“
„Ich will nur ein Foto“, sagte ich.
„‚Nur‘ gibt’s nicht mehr“, erklärte SeppGPT. „Du hast jetzt sechzehn Arten von Kunstfotografie – aber keine zum Erinnerungen festhalten.“
Ich wählte „Auto“. Das Handy überlegte lange – dann machte es zwölf Fotos gleichzeitig. Alle sahen gleich aus. Bis auf eins, auf dem die Pflanze wie ein Alien wirkte.
„Kunst“, sagte SeppGPT. Oder eine optische Störung. Vielleicht beides.
Am nächsten Tag war ich zum Fotografieren unterwegs und wollte Isolde schreiben:
„Bin gleich da.“ Das Handy schlug vor:
„Bin gleich da! 😊“,
„Bin gleich da! 🚗💨“,
„Bin gleich da! 🏃♂️✨“
Ich tippte schlicht: „Bin gleich da.“ Punkt.
Das Gerät war enttäuscht. Es zeigte mir drei Tage lang nur noch Regen in der Wetter-App.
Eine Woche später hatte ich mich arrangiert.
„Siehst du“, sagte SeppGPT, „du hast dich angepasst. Das ist Evolution.“
„Du meinst, ich werde von meinem Telefon umerzogen?“
„Genau. Willkommen im Zeitalter des Fortschritts.“
In diesem Moment vibrierte mein Handy.
„Update verfügbar.“
Ich starrte es an.
„Nicht. Niemals wieder“, flüsterte ich.
Das Telefon schwieg. Aber ich sah einen Glimmer auf dem Display.
So sieht Trotz aus. Digitalisiert.
SeppGPT meinte:
Fortschritt bedeutet nicht, dass etwas besser wird. Nur, dass es anders ist. Und dass du dich daran gewöhnen musst – ob du willst oder nicht. Aber hey, solange der Akku grün leuchtet, ist doch alles gut.

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