Ich druck dann mal selbst

Mittwochabend, 19 Uhr. Einer meiner ersten Termine mit den Rottaler Fotofreunden. Isolde hatte mich eine halbe Stunde früher in Ruhstorf abgesetzt. „Damit ich rechtzeitig zum Krimi wieder daheim bin“, sagte sie. Ich winkte. „Alles klar, ich rufe an, wenn du mich wieder abholen kannst.“

Im Clubheim waren außer mir noch zwei andere zu früh. Wir ratschten über Kameras und Objektive, als einer plötzlich fragte: „Und, was hast du früher gemacht?“

Früher? Also … vor der Rente? Ich holte Luft – und begann zu erzählen.

Ende der 60er – ich, in München, an der Werbefachschule. Meine Cordhose hatte einen breiten Schlag, mein Kopf war voller Flausen und Visionen. Danach: Werbekaufmann. Erst für Möbelhäuser, dann für Verlage. Und schließlich blieb ich bei einem dieser Verlage hängen. Zwölf Jahre.

Ich hatte viel mit kleinen und mittelständischen Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen zu tun. Bald merkte ich, dass diese Firmen in puncto Werbung ratlos waren. Mein Gedanke: Vielleicht kann ich da helfen. Ich versuchte es und gründete die kleine Fachzeitschrift „Werbeideen“.

600 Abonnenten später kam mein Chef drauf. „Was soll das?“, fragte er. „Unsere Kunden brauchen Hilfe“, sagte ich. „Aber nicht so – Kündigung“, sagte er. „Beratervertrag“, sagte ich – und gewann. Jetzt war ich freiberuflich. Mit eigener Zeitschrift. Und – kleiner Triumph – mein Ex-Chef wurde Abonnent Nummer 601.

Irgendwann begann ich zu rechnen: 600 DM Druckkosten? Eine eigene Druckmaschine – Rotaprint R40 – gäbe es für 9.800 DM. Leasing: 270 im Monat. Ich rechnete, grübelte, kalkulierte – und dann stand sie im Keller.

Was folgte, war klar. Wenn man schon eine Druckmaschine im Keller hat, erzählt man’s weiter. Und dann druckt man Briefbögen, Handzettel und Einladungskarten. Ich gründete Druck & Werbeservice. Später fusionierte ich mit einem Kollegen zur GmbH.

Die Jahre vergingen, „Werbeideen“ verschwand in der Ablage „Zeitmangel“, mein Geschäftspartner ging in Rente, und ich irgendwann auch – fast. Denn während andere noch Faxgeräte streichelten, brachte ich mir HTML bei. Ich wurde Webdesigner. „Pol-Web-Media“ war geboren.

Und heute? Heute sitze ich hier und erzähle es den Fotofreunden. Wir lachen, nicken, staunen. Und während ich gerade erkläre, wie man die Gummiwalze mit Azeton sauber macht, piept mein Smartphone.

SeppGPT meldet sich zu Wort: „Also mal ehrlich, Peter … „Werbeideen“? Das war ein gutes Konzept. Nur schade, dass du allein warst. Hättest du mich damals schon gehabt – ich hätte getextet, layoutet, den Versand organisiert und sogar die Mahnungen freundlich formuliert.“

Ich gab der Nachricht einen Daumen hoch und dachte: Ja, da ist was dran – aber vorbei ist vorbei.

Auf der Rückfahrt fragte mich Isolde: „Na, wie war’s?“ „Sehr nett, man hatte mich gefragt, was ich früher gemacht habe.“ „Und?“ „Na ja, ich war ja ein bisschen früher dran, da habe ich ein erzählt von der Werbefachschule, der Rotaprint, dem Offsetkeller …“ „Aha. Und der Clubabend?“ „Den hätten wir fast verpasst.“

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