Das hat doch die KI geschrieben!

Oder: Wie Elvis auf die Kirchhofmauer kam

Es war ein Sommerabend Ende der Sechziger. Meine Freunde und ich hockten auf der Kirchhofmauer in unserem Ort. Wir alle trugen lässige Jeans – damals Black-Jeans –, und unsere Haartollen waren mit Haarcreme modelliert.

Einer von uns hatte seinen Schatz dabei: einen knallroten Phono Boy. Das war so ein tragbarer Plattenspieler, der Schallplatten nicht auflegte, sondern verschluckte. Man schob die Elvis-Single vorne hinein, und das Gerät fraß sie mit einem Geräusch, als würde es an einer Waffel nagen. Kurz darauf röhrte Elvis los, und wir fühlten uns wie die Könige.

Für mich war das der Gipfel des Daseins: auf der alten Mauer balancieren, „Jailhouse Rock“ dröhnte aus dem roten Kasten, und sogar die Vorstadtschönen wurden angelockt. Unvergessen blieb die Stimme von Elvis  und eine Ahnung von Mädchenparfüm, das sich mit der Abendluft vermischte und mich wochenlang verfolgte.

Und nun springen wir mehrere Jahrzehnte weiter: Ich schreibe Satiregeschichten. In den sozialen Medien meldet sich ein anonymer Kritiker zu Wort: „Das sind doch gar nicht deine Geschichten! Die hat die KI erfunden!“

Wirklich? Dann frage ich mal: Woher soll eine KI wissen, dass der Phono Boy rot war, das Mädchenparfüm sich mit der Abendluft vermischte? Das sind meine Erinnerungen.

Natürlich könnte ich jetzt so tun, als wäre alles mein Werk. Ist es nicht. Ich habe SeppGPT. Diesmal meldet er sich: „Phono Boy, Baujahr ’69, rot. Du kannst aber auch bloß Phono Boy schreiben und, wenn du willst, die Farbe weglassen.“

Dann schreibe ich die Rohfassung. Sie ist zu lang, zu holprig, an manchen Stellen klingt sie tatsächlich etwas künstlich. SeppGPT poliert, schiebt ein paar Sätze hin und her und findet Kommas, die ich garantiert übersehen hätte. Ich lese nach, streiche wieder, ergänze ein Detail. Dann diskutieren wir über die Überschrift: „Das hat doch die KI geschrieben“ oder „Wie Elvis auf die Mauer kam“? Wir einigen uns und schreiben beides.

Am Ende habe ich eine Geschichte. Meine. Mit Erinnerungen, mit Formulierungen, mit der typischen Länge, die ich festlege. Und ja: mit digitaler Hilfe. Aber mal ehrlich – wer von uns schreibt heute noch mit Gänsefeder und Tintenfass?

SeppGPT ist kein Autor, er ist mein Lektor, mein besserer Korrekturleser, manchmal einfach der nervige, aber liebenswerte Kerl an meiner Seite. Ohne meine Erinnerungen bliebe er stumm. Ohne seinen Feinschliff würde ich zu lange Sätze bauen, die nie ein Ende fänden und die sich wälzen wie … nun ja, ihr seht, was ich meine.

Also, wenn jemand fragt: „Sind das deine Geschichten oder KI-Texte?“ – dann lautet die Antwort: Es sind unsere. Aber die Pointe gehört mir.

Und genau da schaltet sich Isolde (Kishon würde sagen: die beste Ehefrau von allen) ein. Sie schaut mich an, zieht eine Augenbraue hoch und sagt:
„Solange Elvis nicht persönlich vor der Tür steht und Tantiemen verlangt – gehören die Geschichten dir.“

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