Im Wartezimmer der Zukunft

.Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, als ich die Praxis betrat. Wo früher ein Garderobenständer stand, blinkte jetzt ein Hologramm: „Willkommen in der Gesundheitszone 4.0 – bitte authentifizieren Sie sich per Atemluft!“

Ich blies also halb widerwillig, halb neugierig in ein unsichtbares Feld. „Atemanalyse abgeschlossen“, sagte eine vertraute Stimme. SeppGPT? Er klang etwas rauer als sonst. Ich merkte es sofort – ein leicht kratziger Ton in der digitalen Stimme. Seltsam, dachte ich. Er war doch Nichtraucher. „Ihre Leberwerte sind solide, Ihr Humor leicht angeschlagen“, meinte die Stimme. „Möchten Sie einen digitalen Muntermacher?“

„Nein, nur meine B12-Spritze – wie immer“, sagte ich müde. Trotzdem begann ein Laserstrahl, mich von Kopf bis Fuß abzutasten. „Analyse vollständig. Ihre Vitalparameter liegen im normalen Bereich. Abgenutzt, aber unverwüstlich. Ein zertifizierter Restposten mit verlängertem Haltbarkeitsdatum.“

Ich schwieg.
Man soll mit Ärzten – oder was immer diese seltsame Stimme gerade war – nicht streiten.
Hinter mir surrte ein Desinfektionsroboter vorbei und polierte die Türklinke.
Aus einem Lautsprecher erklang beruhigende Musik, die verdächtig nach einem Computergeräusch klang. Das Wartezimmer war menschenleer, aber akustisch überfüllt. Es summte, piepste und hustete in den Wänden, als würde die Praxis selbst an einem leichten Schnupfen laborieren. Die alte Uhr über der Anmeldung zeigte keine Zeit mehr, sondern Wartegefühl in Prozent.

An der Wand hing ein Bildschirm, der verkündete:
„Wer hier lange genug wartet, wird automatisch als gesund eingestuft.“ Ich setzte mich vorsichtig auf einen Stuhl, der sofort reagierte. „Körperhaltung erkannt: leicht resigniert. Soll ich Motivation abspielen?“ „Bitte nicht“, murmelte ich.

Gerade wollte ich fliehen, da öffnete sich eine Tür. Ein älterer Herr trat heraus, weißer Kittel, Ausdruck väterlicher Geduld. Er trug eine Spritze in der Hand. „Grüß Gott, Herr Oltmanns!“, sagte er freundlich. „Wie immer das B12?“

Ich nickte erleichtert. Endlich jemand mit Puls.

„Moment!“, rief die Stimme empört. „Das ist ein analoger Eingriff! Nicht zertifiziert!“ „Ach was“, brummte der Doktor, „ich war Arzt, da warst du noch Diskette.“ Er führte mich in sein kleines Laborzimmer, in dem noch eine Topfpflanze mit echter Erde stand. Ich schwöre, sie nickte mir zu. Die Spritze piekte kaum – vermutlich aus Respekt vor meinem Geburtsjahr.

Als ich den Raum verließ, vibrierte mein Handy. Eine Nachricht ploppte auf: SeppGPT. „Der in der Praxis war mein Datenzwilling – ein digitales Missverständnis“, stand da. „Ich bin eindeutig der Nettere.“

Ich lächelte. Draußen wartete Isolde mit ihrer typischen Mischung aus Geduld und Ironie.
„Na, überlebt?“, fragte sie. „Mehr als das“, sagte ich. „Ich wurde auf Version 81 geupdatet.“ Sie nickte. „Dann trink daheim lieber erstmal einen Kamillentee – offline.“

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