Eine fast wahre Geschichte.
Wir waren im Herbsturlaub in Stralsund.
Kein Postkartenwetter – eher die norddeutsche Variante von Melancholie:
grauer Himmel, Nieselregen, Möwen mit Existenzzweifeln.
Isolde hatte sich in ihre dicke Jacke eingewickelt. Ich stand mit den Händen tief in den Taschen und sah den Männern am Hafen zu, die unbeirrt ihre Angeln ins Wasser hielten.
Immer wieder zogen sie kleine Fische aus dem Wasser, maßen sie mit einem Lineal –
und warfen sie wieder hinein.
„Warum machen die das?“, fragte ich.
„Weil die Fische zu klein sind“, erklärte Isolde.
„Unter elf Zentimetern darf man sie nicht behalten.“
Ich nickte nachdenklich. „Das ist wie beim Grillen – unter elf Zentimetern darf die Wurst gar nicht erst den Rost betreten. Reiner Artenschutz.“
Einer der Angler hatte sogar ein digitales Messgerät. Es piepte, blinkte und verkündete vermutlich: ‚Fisch ungenügend – bitte erneut versuchen.‘ Der Mann seufzte, schüttelte den Kopf, und platsch! flog der Hering zurück ins Wasser.
„Das ist doch absurd“, sagte ich. „Stundenlang angeln, um alles wieder reinzuwerfen.
Das ist wie, wenn man bei Aldi alles bezahlt und dann an der Kasse wieder zurückstellt.“
Mein ständiger Begleiter SeppGPT meldete sich:
„Angeln – ineffiziente Nahrungsbeschaffung mit hohem Erleuchtungsrisiko.
Ideal für Männer, die denken, sie meditieren.“
„Also Meditation mit Wurm“, murmelte ich.
Isolde sah mich prüfend an.
„Vielleicht solltest du das mal probieren. Du bist in letzter Zeit ein bisschen … nervös.“
„Nervös? Ich nenne das geistige Betriebsamkeit.“
„Du meinst Bluthochdruck.“
Drei Stunden später stand ich im Angelgeschäft.
Ich wollte nur schauen – kam aber mit einer Rute, einem Kescher und einer Dose mit der Aufschrift „Fangglück“ wieder raus. Der Verkäufer sagte, das sei „das Set für Einsteiger mit Ambitionen“. Ich war mir nicht sicher, ob das ein Kompliment oder eine Warnung war.
Am nächsten Morgen stand ich am Kai. Grau. Windig. Einsam.
Nur eine Möwe, die mich misstrauisch beobachtete, als wüsste sie, dass hier nichts passieren würde.
SeppGPT war natürlich dabei und er flüsterte:
„Ich habe die besten Fangzeiten nach Mondphase berechnet. Zwischen 5:12 und 5:19 Uhr ist der Hering besonders kooperativ.“
Ich nickte. Die aufgehende Sonne nickte zurück – leicht spöttisch.
Nach drei Tagen kannte ich den Wind, den Wellengang und meine Geduldsgrenze.
In der zweiten Urlaubswoche führte ich Fanglisten in Excel, verglich Köderfarben und diskutierte mit anderen Anglern über „Beißzeiten“.
SeppGPT hatte inzwischen eine Website entworfen:
„Peters Baltic Catch – Wir werfen zurück, was noch wachsen darf.“
Sag mal“, fragte Isolde am Abend, „kannst du eigentlich auch mal richtig abschalten?
Wir haben Urlaub.“
„Das ist keine Entspannungsübung mehr“, sagte ich stolz. „Das ist Leidenschaft.“
Sie seufzte.
Am letzten Urlaubstag blieb ein kleiner Junge neben mir stehen.
„Was fangen Sie heute, Opa?“
Ich lächelte müde.
„Erkenntnis, mein Junge. Aber die ist meistens unter elf Zentimetern.“
Ich sah ihm nach, wie er kopfschüttelnd davonlief, und dachte:
Nette Geschichte. Fast schon zu schön, um wahr zu sein.

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