Hoppla ich bin 80

Ich stehe an der Käsetheke, Dienstagvormittag – umgeben von lauter gut Gereiften. Mich eingeschlossen. Na ja, ich bin achtzig, fühle mich aber nicht so. Vielleicht wie sechzig – oder wie ein erfahrener Fünfzigjähriger mit stabilem Innenleben und leichtem Kniaschwammerl (Kniezittern). Alles im Rahmen – bis ein kleiner Junge seine Mutter fragt, laut genug für die ganze Käsetheke: „Mama, warum trägt der Mann so eine alte Mütze?“

Ich starre auf den mittelalten Gouda in meiner Hand. Meine Mütze – mein Markenzeichen – wird öffentlich hinterfragt. Ich sage nichts. Die Mutter flüstert ein entschuldigendes „Er meint das nicht böse“, zieht das Kind weiter. Und ich bleibe zurück. Würde im Blick, Mütze auf dem Kopf, ein Hauch von Melancholie im Herzen.

Zuhause. „Alte Mütze?“, frage ich empört.
Isolde schaut kurz von ihrer Zeitung auf: „Die Mütze? Baujahr 2015. Der Träger? Jahrgang mit Charakter.“

Das eigentliche Problem ist nicht die Mütze. Es ist das Wort „alt“. Drei Buchstaben, die nach Staub und Ablage riechen. Ich streiche es aus meinem Wortschatz: Alt heißt ab jetzt „vintage“, Falten werden zu „Lachlinien“ und Nachlassen nenne ich „Fokusverlagerung“. Ich bin nicht alt. Ich bin gereift – wie ein guter Käse, mit Ecken, Kanten und einer ordentlichen Portion Würze. Oder wie ein ehrlicher Rotwein, der mit jedem Jahr mehr Charakter bekommt.

Zwei Tage später bin ich wieder im Supermarkt. Der Junge ist auch da. Er erkennt mich.
Ich vertiefe mich auffällig in die Auswahl meiner Körnersemmel. Doch das Kind lässt nicht locker und steht plötzlich vor mir. Es mustert mich gründlich – erst die Mütze, dann die Brille, schließlich mein Gesicht.

„Wie alt bist du?“, fragt er.
Ich lächle milde. „Alt genug, um die Mütze freiwillig zu tragen.“
Er kneift die Augen zusammen. „Oder ist das wegen der wenigen Haare auf dem Kopf?“

Wieder zuhause erzähle ich Isolde von der Begegnung.
Sie schaut mich an, dann meine Mütze, dann wieder mich.
„Du hättest einfach sagen sollen: Die Mütze hält schließlich all deine Weisheit zusammen.“
Ich nicke langsam. „Vielleicht beim nächsten Mal.“
Und denke bei mir: Ich trage sie aus Überzeugung. Und ein bisschen, um der Welt zu zeigen: Hoppla, ich bin 80 – aber sowas von mit Mütze. Und das bleibt auch so!

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