Strichzeichnung

Das Lied der holden Gärtnersfrau

Anfang der Achtziger. Ich war jung, na nicht mehr ganz jung, verliebt. Isolde hatte ich gerade erst kennengelernt. Hübsch war sie, klug sowieso – und offenbar bereit, sich auf gewisse Risiken einzulassen. Denn sie sagte ja, als ich vorschlug: „Komm, wir fahren nach Wien!“

Ohne Hotelbuchung, ohne Navi – aber mit einer Landkarte aus den 70er-Jahren. Abenteuer eben. Irgendwo zwischen Passau und Linz überkam es mich: Ich stimmte das alte Lied von der holden Gärtnersfrau an. Laut. Inbrünstig.

Isolde, damals noch nicht an meine spontanen musikalischen Entgleisungen gewöhnt, warf mir einen Blick zu, den man nur als Mischung aus Neugier, Irritation und Fluchtimpuls beschreiben kann.

Aber sie sprang nicht aus dem Auto. Und sie lachte. Kein hysterisches Lachen – mehr so ein leises, überraschtes Kichern. Ich nahm das als gutes Zeichen. Sie hatte Humor. Und Nerven.

Vier Jahrzehnte später wohnen wir in Bad Birnbach. Reihenmittelhaus. Garten. Und Isolde – nun, sie hat inzwischen wirklich einen grünen Daumen. Keine Pflanze, die sich ihr widersetzt. Keine Staude, die nicht brav gedeiht. Sie gärtnert mit Hingabe. Mit Liebe.

Und ich nenne sie – ganz leise, ganz ernsthaft: „Meine holde Gärtnersfrau.“ Sie verdreht dann die Augen. Aber sie lächelt.

Und das Lied? Ich singe es nur noch so zwischendurch …
Sie sagt dann nichts – aber ihr Blick lässt ihre Geranien welken.
Und trotzdem: Sie bleibt. Seit über 40 Jahren.
Vermutlich, weil sie hofft, dass ich irgendwann nicht alle gelben Blumen für Klingelblümchen halte.

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