Die Siebziger! Schlaghosen waren modern, Telefone hatten Wählscheiben, Türen wurden ohne Code geöffnet – zur Sicherheit hatte man einen Zweitschlüssel. Es war auch eine Zeit, in der Handwerk und Leidenschaft noch die Oberhand hatten, besonders in dem Verlag, in dem ich arbeitete.
Ich kümmerte mich um Kunden, Anzeigen, Konzepte und neue Ideen. Praktisch die Zutaten für unser Anzeigenblatt. Doch ohne das Team in der Setzerei wäre das alles nicht möglich gewesen.
Bleisatz hieß das Zauberwort. Kein Cursor, kein Klick – nur fein säuberlich sortierte Metallbuchstaben. Künstlerisch arrangiert von Setzern, die mit Winkelhaken, ruhiger Hand und fast stoischem Ernst die Seiten aus Blei erschufen. Diese Meisterwerke wurden anschließend mit einer Schnur umwickelt – nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern aus Respekt vor der filigranen Arbeit. Anschließend fanden sie ihren Platz sie in unseren selbstgebauten Spezialschrank mit 48 Fächern, je Seite hatte ihr eigenes Fach, maßgeschneidert und festgezurrt im Kleintransporter. Wir waren stolz. Eine geniale Lösung, dachten wir.
Dann kam die Nacht.
Es war Winter. Glatte Straßen. Axel, unser Fahrer, hatte den Schatz verladen, den Schrank verriegelt und freute sich geistig längst auf einen warmen Glühwein daheim. Alles lief nach Plan – bis ein Auto um die Ecke fuhr und ins Rutschen geriet. Es gab keinen Unfall, nur einen kleinen Schubs, der jedoch ausreichte, um den Schrank umzuwerfen.
Mit einem Ruck sprang die Schranktür auf. Die sorgfältig verschnürten Buchstaben und Zeilen hielten dem Sturz nicht stand. Der Schriftsatz explodierte regelrecht – Bleilettern segelten wie metallene Schneeflocken durch den Laderaum. Ein Alptraum. Von 48 Seiten waren 20 nur noch Erinnerung, der Rest: noch intakt, jedoch stellenweise lückenhaft – aber immerhin noch brauchbar.
Die Setzer – wahre Helden dieser Nacht – sortierten, setzten zusammen, was zusammengehörte, und lieferten der Druckerei am Ende eine Ausgabe ab wie ein modernes Kunstwerk: Man verstand nicht alles, aber man sah, dass sich jemand Mühe gegeben hatte.
Der Verleger, Herr Janz, bislang überzeugter Digitalgegner, sah das Chaos, seufzte leise – und sagte: „Eine Fotosatzmaschine muss her. Sofort!“ Ohne Bleilettern. Ohne Schnur. Ohne Transportabenteuer.
Heute verschiebt man Texte mit einem Mausklick, als wäre das nichts. Aber wer nie in einem Lieferwagen voller verstreuter Satzzeichen gestanden hat, weiß nicht, was Typografie im wörtlichen Sinne bedeutet.
Und doch: Manchmal vermisse ich sie. Die Geräusche, den Geruch, die Zeilen aus Blei.
Aber nur ganz kurz.
Bye-bye, Gutenberg.

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