Nach dem Mauerfall herrschte Aufbruchstimmung – auch bei uns. Nur eben in die andere Richtung. Wir erkundeten den Osten. Wir hatten dort keine Verwandten, keine alten Brieffreunde, keine geheimen Kontakte. Es war reine Neugier. Und aus dieser Neugier wurden Reisen. Thüringen, Sachsen, Mecklenburg – Jahr für Jahr. Kein Tourismus, eher behutsames Tasten. Alte Städte, neue Geschichten. Und irgendwann – 2009 – lasen wir in der Süddeutschen Zeitung einen langen Bericht über eine Stadt, von der man zwar wusste, dass sie existiert, aber nicht, wie schön sie ist.
Wir sagten: „Da wollen wir hin.“
Ein paar Wochen später standen wir zum ersten Mal in Görlitz. Und staunten. Über Häuser, die wirkten, als hätte sie jemand extra für Fotografen aufgestellt. Über Straßen, in denen die Zeit nicht stehen geblieben war, sondern höflich gewartet hatte. Und über Menschen, die grüßten, ohne etwas zu wollen. Es war, als hätte jemand eine gut erhaltene europäische Filmkulisse aufgebaut – und wir waren die Statisten mit Mütze und Rucksack. Vielleicht habt ihr schon mal von „Görliwood“ gehört – aber das kam später.
Wir waren so begeistert, dass wir gleich nochmal in Richtung Görlitz fuhren. Und dieses „nochmal“ wurde länger. Dann wurde es ein Entschluss. Wir zogen um. Von Olching nach Görlitz. Einfach so, könnte man sagen. Aber es war nicht einfach. Es war eine Entscheidung mit Herz.
Am Tag vor dem eigentlichen Umzug fuhren wir schon voraus. Ein bisschen ungeduldig, ein bisschen überorganisiert. „Wir können ja schon mal alles vorbereiten“, sagten wir. Was wir damit meinten, wussten wir selbst nicht genau – denn es gab nichts vorzubereiten. Keine Möbel, keine Küche. Nur eine leere Wohnung, aus der es sehr hell klang, wenn man „Hallo?“ hineinrief.
Wir schlugen unser Nachtlager auf dem Küchenboden auf. Isomatten, zwei Kissen aus dem Auto, eine Wasserflasche mit Zimmertemperatur und belegte Brote. Ich glaube, es war der Moment, in dem wir beide begriffen, was ein „Neuanfang“ konkret bedeutet. Isolde sagte nur: „Da müssen wir durch. Es ist nur für eine Nacht.“ Und aß ihr Käsebrot, ruhig und gefasst.
Ich erinnere mich, dass ich die Decke betrachtete und mich fragte, ob man irgendwann sein Leben rückwärts versteht. Bevor ich zu einem Ergebnis kam, war ich eingeschlafen.
Am nächsten Morgen wachten wir früh auf. Der harte Boden hatte das Schlafbedürfnis auf das Wesentliche reduziert. Wir warteten. Auf die Möbelpacker. Auf den ersten Tag in Görlitz.
Da klingelte es.
Ich öffnete die Tür – und sah einen älteren Herrn mit einem Küchentablett. Darauf: eine Kaffeekanne, zwei Tassen, frische Brötchen, Butter und Marmelade.
„Herzlich willkommen“, sagte er. Ohne große Geste, aber mit Wärme. „Ich dachte, Sie können vielleicht ein richtiges Frühstück gebrauchen.“
Ich konnte nicht antworten. Ich war gerührt. Isolde trat hinter mich und sagte: „Oh, das kommt unerwartet, wir freuen uns sehr.“ Und das meinte sie auch so.
Der Mann hieß – wie sich später herausstellte – auch Peter. Seine Frau Uschi lernten wir nach unserer Einzugsaktion kennen. Und so begann unsere Nachbarschaft.
Aus Nachbarn wurden Freunde. Wir feierten zusammen im Hinterhof. Mit Winters, Schuberts, mit Grill und Geschichten. Es war nicht spektakulär, aber besonders. Man kannte sich. Man half sich. Man lachte miteinander – und manchmal auch übereinander, aber nie böswillig. Es war ein Miteinander, wie man es sich wünscht, aber selten findet.
Ich fand in Peter jemanden, der mich verstand – und ich ihn. Oft sagte einer von uns: „Haste Lust auf eine Tasse Kaffee?“ Dann saßen wir am Tisch und redeten über Gott und die Welt. Über die 68er. Über den VfB Stuttgart und Bayern München.
Und dann kam der Tag, an dem sie uns sagten, sie würden nach Frankfurt ziehen. Zu den Kindern. Aus Vernunftgründen, wie Peter sagte. Es war verständlich. Es war richtig. Aber es war auch traurig. Der Stuhl am Tisch blieb jetzt leer. Der Kaffee schmeckte anders.
Wir besuchten sie später in Frankfurt. Es war schön. Wirklich. Aber nicht Görlitz.
Wir kamen ins Nachdenken. Isolde hatte damals, beim Einzug, gesagt: „Fünf Jahre, dann sehen wir weiter.“ Es wurden neun. Und irgendwann spürten wir beide, dass auch unsere Zeit in Görlitz leise ausklang. Nicht abrupt, nicht enttäuscht – sondern wie ein Lied, das zu Ende geht, ohne dass man es gleich merkt.
Wir packten wieder. Dieses Mal mit weniger Euphorie, aber nicht weniger Vorfreude. Ich hatte Isolde einmal versprochen: „Da, wo du hingehst, gehe ich mit.“ Sie ging zurück nach Bayern. Ich auch.
Manchmal, beim Frühstück, streicht sich Isolde schweigend ihr Brötchen. Ich schenke Kaffee nach, und irgendwann schaut sie auf und sagt:
„Weißt du noch, wie wir damals auf dem Boden geschlafen haben?“
Ich lächle und antworte:
„Und wie Peter mit dem Tablett vor der Tür stand.“
Dann lächelt sie zurück.
„Das war schön.“
Ich sage nichts. Muss ich auch nicht.
Denn manches bleibt. Auch wenn man geht.

0 Kommentare