Wo ist der Stick? SeppGPT hat eine Theorie

„Ich finde den Stick nicht!“, murmelte ich und durchwühlte zum dritten Mal die rechte Schreibtischschublade. „Welchen Stick?“, fragte Isolde, die gerade vorbeikam. Sie strich sich durchs Haar – das gestern noch deutlich länger gewesen war.
„Na, den mit der neuen Satiregeschichte. Du weißt schon.“
„Ach so. Den, den du gestern ganz sicher verstaut hast?“ Ihre Stimme klang leicht spöttisch. „Nicht alle von uns verlegen ihre Sachen ständig.“
In diesem Moment meldete sich SeppGPT, mein digitaler Mitbewohner. „Fall erkannt. Spurensicherung läuft. Bitte keine Beweismittel mehr vernichten.“
Ich zuckte zusammen. Ohne zu wissen, was ich getan hatte, fühlte ich mich sofort schuldig.
„Letzte Aktivität:“, dozierte Sepp, „Datei Trump_Friedensnobelpreis_v5_FINAL.docx geöffnet um 09:47 Uhr. Danach: nichts. Verdächtig ruhig.“
Ich suchte weiter: unter der Zeitung, hinter dem Monitor, auf dem Fußboden unter dem Schreibtisch. Systematisch.
„Systematisch wäre, die PC-Ordner zu durchsuchen, die du ‚Ordnung‘ genannt hast“, bemerkte Isolde trocken.
Währenddessen analysierte Sepp Bilder aus meinem Arbeitszimmer, wechselte ins Wohnzimmer und identifizierte „ein mögliches USB-Abdruckmuster auf dem Sofakissen“.
Ich schnaubte. „Auf dem Sofakissen?“
„Wahrscheinlichkeit: 73,4 Prozent“, erwiderte Sepp ungerührt.
„Es gibt drei Möglichkeiten“, fuhr er fort.
„Erstens: Du hast ihn irgendwo hingelegt.“
„Zweitens: Du hast ihn irgendwo hingelegt und glaubst, er wäre woanders.“
„Drittens: Du hast ihn in den Kühlschrank gelegt, neben den Schnittlauch – weil du mal gelesen hast, dass USB-Sticks durch Kälte länger halten.“
Ich hielt inne. „Das… habe ich gelesen?“
„Ach ja, da stand auch, dass man Drucker durch gutes Zureden repariert“, fügte Sepp trocken hinzu.
Ich lachte kurz auf. Dann verstummte ich. Hatte ich das nicht tatsächlich mal probiert?
„Überprüfe den Kühlschrank“, empfahl Sepp.
Ich stand auf, ging in die Küche und öffnete die Kühlschranktür. Dort lagen: Butter, Käse, eine angebrochene Salamiwurst. Kein Stick.
„Negativ“, meldete ich.
„Dann bleibt nur noch Möglichkeit vier“, sagte Sepp.
„Du sagtest drei Möglichkeiten.“
„Möglichkeit vier: Du hast ihn an einem Ort abgelegt, der emotional so traumatisch war, dass dein Gehirn die Erinnerung verdrängt hat.“
In diesem Moment rief Isolde von oben: „Gefunden! Im Badezimmer – neben der Schere.“
Ich erstarrte. „Was… warum sollte der Stick da liegen?“
Sie erschien oben an der Treppe. „Na, du hast ihn da wohl abgelegt, als du gestern panisch geflüchtet bist. Du weißt schon, als ich mir wieder mal selbst die Haare geschnitten habe.“
Ich stieg die Treppe hoch und betrachtete ihre Frisur. Die Spitzen waren weg. Auch an den Seiten. Ein mutiger Schnitt.
„Gefällt’s dir?“, fragte sie.
„Äh… sehr… modern“, stammelte ich.
SeppGPT zog trocken Bilanz: „Badezimmer. Natürlich. Der Ort, wo schusselige alte Männer ihren Stick ablegen, wenn sie panisch das Bad verlassen. Emotionales Trauma bestätigt.“
Ich nahm den Stick und ging zurück an meinen Schreibtisch. Kopierte die Datei. Dreifach. Dann klebte ich den Stick unten an den Sockel des Monitors.
So habe ich ihn im Blick – für den Fall, dass mich wieder die Panik packt.
Denn der größte Feind meiner Ordnung bin immer noch ich selbst.

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