Der Pfandbon, der niemals eingelöst wurde

Wieder war es so weit: Der Getränkekasten war voll – randvoll mit leeren Flaschen.
„Den bringen wir morgen weg“, verkündete Isolde. Das „wir“ stand, wie immer, für Aufgabenverteilung: Sie fährt, ich trage. So läuft das bei uns – seit ich mich zur fußläufigen Fraktion der Partnerschaft erklärt habe.

Am nächsten Vormittag stand der Kasten mit dem Leergut im Flur. Ich weiß nicht genau, warum mir die Entsorgung so zuwider ist. Vielleicht, weil sie mich gnadenlos an meine flüssigen Fehlentscheidungen der letzten Wochen erinnert – jede Flasche ein stiller Vorwurf. Es ist wie Beichte. Nur ohne Vergebung.

„Meinst du, der Pfandautomat funktioniert heute?“, fragte ich – nicht aus echtem Interesse, sondern weil mir im letzten Moment noch ein halbherziger Rückzugsversuch einfiel.

Isolde stand schon mit Jacke und Autoschlüssel in der Hand.
„Selbst wenn nicht – die Flaschen müssen raus“, sagte sie.
Damit war das Gespräch beendet. Und die Mission gestartet. Ich trug, sie fuhr. Wie immer.

Im Supermarkt reihten wir uns in die Schlange vor dem Rückgabeautomaten ein. Drei Leute vor uns, jeder mit einem beeindruckenden Sammelsurium an Flaschen. Die Luft roch nach süßlichem Apfelsaft und altem Hopfen.
Auf dem Handy kommentierte SeppGPT die Szene auf seine Art:
„Recycling in Deutschland ist keine Pflicht, es ist eine Religion. Und der Automat entscheidet, ob du würdig bist – oder mit deinen Flaschen abziehen musst.“

Endlich waren wir dran. Eine Flasche nach der anderen schob ich in den Rachen des Automaten. Zwischendurch stockte das Förderband, eine Flasche wurde ausgespuckt.
Der Automat rülpste, als hätte er selbst zu viel getrunken. Dann ging’s doch weiter.
Am Ende warf das Gerät den Bon aus: 3,42 Euro. Ich faltete ihn sorgfältig und steckte ihn in die linke Hosentasche – als wäre es ein Dokument von Wert.

Danach stand der Einkauf an: Brot, Käse, Joghurt.
An der Kasse fragte Isolde mit erwartungsvollem Blick: „Den Bon, bitte?“
Ich griff in die Tasche. Dann in die andere. Nichts. Hintere Hosentasche? Fehlanzeige. Hemdtasche? Leer. Ich suchte sogar im Einkaufswagen und auf dem Boden.
Der Bon war weg. Ich bückte mich tief und wühlte bei den Joghurts. Nichts.

„Ich … ich hatte ihn doch eingesteckt“, murmelte ich.
„Sicher“, erwiderte Isolde. Der Rest wurde durch ihr vielsagendes Schweigen gesagt.

Genau in dem Moment, als meine Würde leise zerbröselte, meldete sich SeppGPT mit gewohnt nüchterner Ironie:
„Ein fein gefalteter Schatz. Ein Dokument von scheinbarem Wert. Am Ende waren es nur 3,42 Euro – verschollen, vielleicht zwischen Käse und Wurst.“

Isolde zahlte den Einkauf. Ich zahlte im Stillen für meine Schusseligkeit. Die Flaschen waren weg. Der Bon auch.

Auf dem Heimweg herrschte Stille. Nur das leise Klirren der drei frisch gekauften Saftflaschen im Kofferraum erinnerte mich daran, dass alles ein Kreislauf ist – ein Rückgabekarussell für Flaschen.

Und was habe ich daraus gelernt?
Nicht der Verlust des Geldes schmerzte am meisten, sondern die Symbolkraft dieses Moments. Ein kleiner Zettel, der mir ins Ohr raunte:
„Du hast dein Bestes gegeben – und mich dann doch zwischen Käse und Joghurt verloren.“
Aber vielleicht war das das Bitterste an der Sache:
Dass der Bon sich selbst entschuldigte – und leise ergänzte:
„Tut mir leid. Ich wollte wirklich nicht der Beweis für all deine flüssigen Fehltritte sein.“

Isolde lächelte schon wieder. Ich blickte hinüber – und konnte es noch nicht.

1 Kommentar

  1. Strittmatter Klaus-Peter

    Passiert mir auch

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert