Newsletter an mich selbst

Ich habe kürzlich beschlossen, mein Leben in den Griff zu bekommen. Das klingt dramatischer, als es ist – eigentlich wollte ich nur meine verlegte Brille schneller finden und die 47 offenen Tabs auf meinem Laptop schließen. Einer davon war ein Käsekuchenrezept von 2018.

SeppGPT – mein digitaler Mitbewohner mit lächelndem Bildschirmgesicht – schlug vor, einen motivierenden Newsletter einzurichten. Für mich. Von mir. Ein bisschen wie „Briefe an mein Ich“, nur als E-Mail mit Betreffzeile.

„Mach’s wie die Profis, Peter“, sagte er. „Du brauchst einen Autoresponder.“
Und zack – hatte er ihn eingerichtet.

Ich nannte das Ganze „Peters Daily News – Impulse fürs Ich“ und hinterlegte eine Liste aufmunternder Durchhalteparolen:
„Du schaffst das!“
„Atme. Trinke Wasser. Vermeide Menschen.“
„Heute ist der erste Tag vom Rest deines Zettelsystems.“

Versand vor dem Frühstück – als freundlicher Schubser zwischen Kaffeeduft und Realität.

Das war gut. Fast zu gut. Ich klickte auf „automatisch senden“, genoss das leise Pling – und stellte mir vor, wie ich mich morgens selbst motiviere.

Bis zu dem Tag, an dem ich irritiert auf den Bildschirm starrte – und eine Nachricht von jemandem erhielt, der sich für meinen Newsletter bedankte.

Ein Fremder. Aus dem Internet.
Betreff: „Endlich jemand, der mich versteht – bist du Coach?“

Ich war verwirrt. Ich bin vieles – Bildermacher mit Hang zum Absurden, Einkaufsplaner mit Gedächtnislücken, temporärer Herr über mein Schreibtischchaos – aber Coach?

Ich fragte SeppGPT. Der sagte trocken: „Dein Newsletter ist öffentlich. Sehr öffentlich.“

Anscheinend hatte ich beim Einrichten einen Haken gesetzt, der mein digitales Selbstgespräch zum Rettungsanker für Sinnsuchende machte.
Innerhalb einer Woche: sechs Abonnenten. Zwei aus den USA.

Isolde fand das wenig lustig.
„Peter, du bist kein Coach. Du bist ein Mann mit Mütze, Rentner – und mit zu viel Zeit.“

Ich wollte es stoppen, aber der Newsletter war schneller:
„Vertraue deiner Stimme.“
„Welche?“, fragte ich zurück.
„Zweifle nie an deinem Weg.“
Ich wusste nicht mal, wohin das alles führen sollte.

Heute habe ich den Abmeldelink geklickt.
Ich bin frei.
Und völlig orientierungslos.
Aber immerhin weiß ich jetzt, wo mein Käsekuchenrezept ist.

 
 
 

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