Wir hatten Lothar schon eine Weile nicht gesehen. Das letzte Mal erzählte er mit leuchtenden Augen, dass er eine Witwe kennengelernt hatte – „tolle Frau, reife Liebe, keine Komplikationen“. So weit, so romantisch.
SeppGPT und ich freuten uns ehrlich für ihn. Und dann tauchte er neulich wieder auf – blasser als sonst.
„Leute“, sagte er, „ihr schreibt doch diese Satiregeschichten. Ich hab da was. Echt jetzt. Was ganz Privates.“
SeppGPT klappte neugierig sein virtuelles Notizbuch auf. Ich bot ihm Kaffee an. Lothar lehnte ab. Zu aufgewühlt.
Dann begann er zu erzählen.
„Also, ihr wisst ja – ich hab eine Witwe geheiratet.“
Wir nickten. Das war der Stand, den wir kannten.
„Was ich euch nicht erzählt habe: Die hatte eine zwanzigjährige Tochter. Und diese Tochter hat – haltet euch fest – meinen Vater geheiratet.“
Ich hielt mich fest. SeppGPT stockte kurz im Tippen.
„Mein Vater wurde dadurch mein Schwiegersohn“, sagte Lothar.
„Und meine Stieftochter … wurde meine Stiefmutter.“
Ich fragte nichts. Ich wollte nicht stören.
„Aber warte“, fuhr er fort, „das war noch harmlos. Meine Frau bekam mit mir einen Sohn. Der ist – formal gesehen – der Schwager meines Vaters. Und gleichzeitig mein Onkel. Als Bruder meiner Stiefmutter.“
SeppGPT notierte: „Verwandtschaftlicher Zwiebelschalenaufbau“
„Und vorgestern“, sagte Lothar, „hat meine Stieftochter – also meine Stiefmutter – noch einen Sohn bekommen.“
„Der ist jetzt mein Bruder. Und mein Enkel.“
„Ich“, sagte Lothar, „bin also der Ehemann meiner Frau – und ihr Enkel. Weil ich der Sohn ihres Schwiegersohns bin.“
SeppGPT piepte leicht. Das bedeutet emotionaler Ausnahmezustand.
„Meine Frau“, fuhr Lothar ungerührt fort, „ist also meine Großmutter. Und da der Mann meiner Großmutter mein Großvater ist, bin ich – genau betrachtet – mein eigener Großvater.“
Ich schaute SeppGPT an.
„Und was sagst du, wenn dich jemand auf einer Familienfeier fragt, wer du bist?“
Lothar grinste schief.
„Ich sag einfach: Ich bin Lothar. Ich gehöre irgendwie dazu.“
Wir werden das natürlich aufschreiben. Vielleicht unter dem Titel:
„Familienleben – für Fortgeschrittene“.
Oder: „Verwandt, verschwägert, verwirrt“.
Ich begann gedanklich einen Stammbaum zu zeichnen, kam aber nur bis zur dritten Linie – dann wurde es ein Labyrinth.

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