Strichzeichnung: Spiegelwelten ohne Spiegel – Mann mit Kamera vor einer Pfütze, nachdenklich

Spiegelwelten ohne Spiegel

Ich war Mitglied einer Fotogruppe. Kein lockerer Haufen, der nur gelegentlich den Auslöser drückt – nein: Wir hatten einen Vorstand, ein Jahresprogramm und Themenvorschläge, die es in sich hatten.

Unser aktuelles Thema heißt „Spiegelwelten ohne Spiegel“. Ich glaube, ich war’s sogar, der das vorgeschlagen hat. Wahrscheinlich hatte ich einfach wieder zu viel rumgeblättert – und zu wenig nachgedacht.

Trotzdem, solche Themen liegen mir. Wirklich. Ich denke lieber um die Ecke, statt nur den Sonnenuntergang oder schöne Blümchen abzulichten. „Bekanntes / Unbekanntes“, vielleicht auch „Licht und Linie“ – das sind für mich kleine Denkabenteuer mit der Kamera.

Bis ich dann draußen stehe – allein, mit der Kamera, dem Notizbuch mit Regieanweisungen und der Erkenntnis: So schwer hatte ich mir das jetzt aber auch nicht vorgestellt.

Denn was genau ist eigentlich eine „Spiegelwelt ohne Spiegel“? Reicht eine Pfütze mit einem Baum? Oder muss ich erst eine zweite Wirklichkeit mit Tiefenschärfe einfangen?

Aber es hilft ja nichts: Bilder müssen her. Und zwar sofort.
Ob die dann durchgehen? Wird sich zeigen. Jeder bringt zwei Fotos mit zum Treff, die per Voting-App bewertet werden. Demokratisch – aber gnadenlos.

Es gewinnt, was zum Thema passt. Und was scharf ist. Und was einen geraden Horizont hat. Tiefsinn? Schön und gut – aber bitte im richtigen Ausschnitt.

Trotzdem: Ich liebe es – dieses kreative Ringen, das Staunen über die Ideen der anderen, das kollektive Stirnrunzeln.

Auch wenn ich manchmal an meinen eigenen Themen scheitere – ich mag diese Herausforderungen und würde es nie anders wollen.

Doch das eigentliche Problem lag plötzlich nicht mehr im Fotografieren selbst, sondern im Verstehen – in meinem Kopf. Denn in letzter Zeit kam noch ein ganz anderes Ringen hinzu: das Hören – trotz Hörgeräten.

Seit einiger Zeit verstand ich bei den Treffen nur noch jedes zweite Wort, besonders, wenn das Stimmengewirr groß war.

Das wäre nicht schlimm gewesen, wenn die andere Hälfte nicht aus Fachchinesisch bestanden hätte.

Also nickte ich meist, wenn jemand „Blende acht“ sagte, und grinste, wenn jemand „ISO“ erwähnte – es hätte ja ein Witz sein können.

Die Freude am gemeinsamen Fotografieren wurde ersetzt durch das verzweifelte Bemühen, teilzuhaben, ohne es wirklich zu können. Und so wurde aus dem „Ich bin Mitglied“ schleichend ein „Ich war Mitglied“ …

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