Picknick, Ameisen, Rückzug

Es war die Idee meiner lieben Frau Isolde. Das möchte ich gleich zu Beginn festhalten.
„Lass uns mal raus, ganz spontan. Wir brauchen Abwechslung. Ein Picknick. Nur wir zwei. So wie früher.“

„Früher“ ist bei uns kein fester Begriff. Wir leben ruhig in Bad Birnbach, machen noch ein paar Aufträge für unsere kleine Internetagentur, spielen Rommé – und ich ziehe regelmäßig mit meinen Fotofreunden los. Picknicks sind selten. Spontane Picknicks noch seltener.

Doch Isolde hatte diesen Blick, der mir sagt: „Widersprich – und du kannst deinen Kartoffelsalat selber essen.“

Also packten wir eine Decke, meinen Kartoffelsalat, etwas zu trinken, Käsewürfel, Trauben, zwei Klappstühle, Sonnencreme, Servietten, Cracker, ein altes Transistorradio, das nur Musik aus den 80ern spielt – und los ging’s.

Das Picknickplätzchen war schnell gefunden: ein sonniger Hang mit schöner Aussicht, blühendem Klee und – wie sich später herausstellte – einer hochorganisierten Ameisenkolonie mit logistischer Meisterleistung.
Kaum hatten wir uns eingerichtet, wurde es lebendig unter der Decke. Isolde meinte: „Nur kleine Krabbler.“
Ich bin mir sicher, sie hatten eine Befehlskette, Zielkoordinaten – und unsere Käsewürfel im Visier.
Binnen Minuten war der halbe Vorrat in Bewegung. Es war keine Flucht. Es war eine kontrollierte Warenübernahme.

Dazu: Wind. Nicht viel, aber genug, um die Servietten in die nächstgelegene Brombeerhecke zu schicken und das Radio auf 90er-Hits umzustellen.

Wir hielten tapfer durch. Bis zum ersten Tropfen. Dann folgten weitere – und wir folgten ihnen: nach Hause.
Durchnässt, zerstochen, etwas müde – aber, und das sage ich voller Überzeugung: fast harmonisch.

 

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