Krimi-Schwemme

20:15 Uhr. In Deutschland: Mordzeit.
Früher gab’s einen „Tatort“ pro Woche. Heute stirbt man auf zehn Sendern gleichzeitig – ermittelt, gestorben, gestanden, auf allen Kanälen.

Isolde zappt sich genussvoll durchs Angebot.
„Oh, eine neue Folge vom Kommissar mit Toupet und Bindungsangst. Die kenn ich noch nicht.“

Gemütlich sitzt sie auf dem Sofa, eine Decke über den Knien, die Fernbedienung fest in der Hand – fast wie eine Dienstwaffe. Der Bildschirm flackert bedrohlich: Nebel, Leichenfund, Kommissar mit norddeutschem Akzent und seelischem Knacks.

Nach Talkshow und erster Halbzeit des Fußballspiels komme ich mit meinem Glas ins Wohnzimmer.
„Wie viele Tote bisher?“
„Zwei“, sagt Isolde. „Aber nur einer ist richtig tot. Der andere hat noch Rückblenden.“
Ich runzle die Stirn. „Das heißt, er lebt?“
„Nicht mehr lange. Die melancholische Musik läuft schon.“
Ich nicke. „Ich geh lieber Fußball schauen. Da stirbt höchstens die Hoffnung.“

Zwischendurch höre ich sie rufen:
„Moment! Der hat Kaffee gekocht! Das ist verdächtig.“
Ich rufe zurück: „Vielleicht wollte er einfach nur wach bleiben?“
„Bitte! Im Krimi kocht niemand einfach so Kaffee. Entweder will er Zeit schinden – oder jemanden vergiften.“

Ich seufze. In deutschen Krimis ist selbst ein Kaffeevollautomat eine potenzielle Mordwaffe.

22:30 Uhr. Ich wage den Rückweg ins Wohnzimmer – vorsichtig, als wäre ich selbst tatverdächtig.
„Das Fußballspiel ist zu Ende. 2:0 für die anderen.“
„Hier auch. Ein Geständnis steht im Raum.“
„Und? Spannend?“
„Geht so. Im anderen Krimi im ZDF hatte die Kommissarin vorhin einen Nervenzusammenbruch. Da war mehr los.“

„Das nennt man Leichenzapping“, sagt sie trocken und nippt an ihrem Weinglas. „Außerdem: Ich bin Krimi-Fan.“

Ich bin auch Fan – vom Fußball. Da weiß man wenigstens, wann Abseits ist und wer das Eigentor geschossen hat. Beim Krimi dauert’s bis zur letzten Minute. Und dann war’s der Nachbar mit dem Hund, der in Folge eins nur die Zeitung geholt hat.

Ich schenke mir nach. Jetzt läuft das Fernsehduell.
Vielleicht stirbt da heute auch noch jemand – wenigstens rhetorisch.
Hoffnung hab ich keine mehr. Nur noch einen kleinen Rest Wein in der Flasche.

 

 
 

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